Der Anfang ist nah.

FreundInnen, WeggefährtInnen,

am 22. August habe ich die Entscheidung getroffen, zum 3. September eine Stelle in Chemnitz anzutreten. Bei einem Verein, der mit einem Theater- und Kulturfestival die Komplexität der Welt wieder sichtbar werden lassen will; der neben die Erzählung vom vermeintlichen Kampf der Kulturen die tausend anderen Geschichten stellen will, die es in dieser Stadt und überall sonst genauso gibt.

Zwischen diesen beiden Tagen hat Chemnitz seine eigene Geschichte geschrieben. Ist zum Symbol und Synonym dafür geworden, was uns droht, wenn eine Gesellschaft oder zumindest ein Teil von ihr das Bewusstsein für die Komplexität der Welt verliert und nur noch in schwarz und weiß, Freund und Feind denken kann.

Ein Mensch ist getötet worden. Rechtsextreme Gruppierungen und Parteien haben versucht, seinen Tod für ihre menschenverachtende Ideologie zu instrumentalisieren. Eine Horde Nazis ist durch eine Stadt marodiert und hat mit Hitlergrüßen, hasserfüllten Parolen und der gewalttätigen Jagd auf Menschen all jene terrorisiert und in Schrecken versetzt, die nicht in ihr rassistisches Weltbild passen oder sich ihm nicht unterordnen wollen. In ganz Deutschland haben sich Menschen positioniert und solidarisiert, oft fassungslos distanziert, hilflos gen Osten und ins ganze Land geschaut. Weil sich in diesen Tagen und auch jenseits von Chemnitz immer wieder gezeigt hat, wie dünn die Hülle der vermeintlichen Zivilisation sein kann.

Und dann kam der 3. September, oder, zu dem Zeitpunkt schon: #c0309. Mein erster Arbeitstag.

Tag 1. Noch mit Gepäck auf den Schultern schaue und höre ich meinem Chef dabei zu, wie er erst ein Interview für taff gibt, dann mit einer Bundesministerin telefoniert und schließlich Anfragen von Guardian und BBC ablehnt. Am Abend tanzen 65.000 Menschen zu Kraftklub, für eine solidarische Gemeinschaft und gegen die rechte Hetze. Der Handyempfang ist komplett zusammengebrochen, die beiden Döner an der Straße zum Hauptbahnhof machen das Geschäft ihres Lebens. Gegen 22 Uhr leert sich die Stadt, die Einheimischen finden sich wieder, irgendwo zwischen Euphorie angesichts von so viel Solidarität und sicherheitshalber mal nicht alleine nach Hause laufen.

Tag 2. Der Mittagstisch des 7-Tische-Restaurants unter unserem Büro hat mehr vegane Gerichte als die Kantine des riesigen Münchner Residenztheaters: 1.

Tag 3. Für Freitag ist schon wieder eine Demo von Pro-Chemnitz angemeldet. Samstag kommen die Reichsbürger. Ich habe immer noch keine Ahnung, wofür die Abkürzungen der Ordner auf meinem Arbeitsrechner stehen, versuche dafür aber paranoid, jeden Pullischriftzug von mir entgegenkommenden Menschen zu entziffern.

Tag 4. Ich flüchte, arbeite von zuhause. Am Abend entscheide ich, das mit der Wohnung in Leipzig sein zu lassen, und doch nach Chemnitz zu ziehen. Und nehme mir vor, von jetzt an alle Pro-Chemnitz-Demos oder was mich sonst noch von meinem Entschluss abbringen könnte zu meiden, bis der Mietvertrag unterschrieben ist.

Tag 5 – 12. Ich kann die vier bärtigen Männer mit Brille im Büro endlich unterscheiden, richte mir eine Mailsignatur ein, leihe mir ein Fahrrad und kaufe mir eine Monatskarte, schaue mir drei totsanierte Gründerzeitwohnungen an und lerne eine Wohngemeinschaft kennen, in die ich am liebsten einheiraten würde. Stolpere über circa 47 monumentale Kirchen und 12 Plätze, von denen man auf jedem problemlos nochmal 65.000 unterbringen könnte. Wundere mich, wie weit diese Stadt ist, wie leer sie sein kann, wie schön auch.

 

Wie es hier sonst so ist? Ich hab wirklich keine Ahnung. Vielleicht lest ihr mal re:marx, die wissen mehr. Oder ihr kommt mich besuchen! (Oder zieht gleich her. <400€ für Zweizimmerküchebad im Gründerzeithaus unterbietet garantiert keine andere deutsche Stadt.)

In diesem Sinne: Der Anfang ist nah. Weitermachen!

 

Ein Kommentar

  1. Elke Jeanrond-Premauer

    Liebe Anna, was für eine Entscheidung, eine gute, eine mutige und eine große… Ich freue mich auf alles, was wir von Dir hören und welche Entwicklung Du beschreiben kannst.
    Chemnitz hat Dich verdient!

    Einen lieben Gruß
    Elke

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